Lernen leicher machen

On September 20, 2006, in sudile, by Christian Niemczik

Noch während des Studiums legte Christian Niemczik den ersten Stein zur Selbständigkeit

Von Jana Haase
Das Bürogebäude im Innenhof der Jägerstraße 36 atmet kreatives Chaos. Alles wirkt ein bisschen provisorisch, trotz topp-saniertem Altbau. Die ehemaligen Wohnungen, die nur andeutungsweise zu Büros umfunktioniert worden sind, teilen sich mitunter mehrere Jungunternehmer. In einem spärlich möblierten Raum im zweiten Stock sitzt Christian Niemczik. Zusammen mit seinem Kompagnon Peter Koppatz betreibt der 30-Jährige von hier aus die Firma „sudile”. Ein grünes Krokodil blinzelt altklug aus dem Firmenlogo.

Der Firmenname steht für „supported distance learning”. Niemczik hat ein Programm entwickelt, mit dem Aus- und Weiterbildungskurse über Internet abgewickelt oder unterstützt werden können. Eine solche „Lernplattform” kann mit verschiedenen Inhalten gefüllt werden, erklärt Niemczik, „wie ein Gerüst”. Zur Zeit läuft „sudile” unter anderem an der Technischen Fachhochschule Wildau, für den Bereich Jura, und beim Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Brandenburg (LDS) für Weiterbildungen im IT-Bereich. Eine barrierrefreie Variante des Programms wird momentan an der Blindenschule in Königs Wusterhausen getestet.

Die Geschäftsidee kam dem aus Niemegk stammenden Erziehungswissenschaftler noch während des Studiums an der Universität Potsdam. Im Jahr 2000 gab Niemczik erstmals IT-Weiterbildungskurse für Brandenburgische Landesangestellte der LDS. Mit Computern kannte er sich gut aus, denn Hobby-Programmierer war er schon mit 13 Jahren. Ziemlich schnell habe er aber gemerkt, wie langweilig Weiterbildungskurse werden können, erinnert er sich heute: „Als Lehrer erzählt man immer wieder dasselbe und für die Teilnehmer ist es langweilig, wenn immer nur einer redet und die anderen zuhören.” Aus seinem Studium – neben Erziehungswissenschaften studierte Niemczik Psychologie und Kognitionswissenschaften – kannte er „neue, offene Lernmethoden”, die er in die Entwicklung des Programms mit einbezog.

Von der Idee und ersten Tests dauerte es bis 2003, ehe das Pilotprogramm lief. Die Lernplattform stellt Kursinhalte zur Verfügung. Die einzelnen Kapitel sind als „Stationen” in Form einer „Mindmap”, also in einem baumartig strukturierten Inhaltsverzeichnis, per Mausklick zugänglich. In jeder „Station” wird am Anfang ein Lernziel definiert und Aufgaben gestellt. Im erläuternden Text oder Video erfährt der Teilnehmer, wie er die Aufgabe lösen kann. Die eingeschickte Lösung kann der Lehrer wiederum kommentieren.

Daneben existiert für jeden Kursteilnehmer ein „Ordner”, in dem er Materialien speichern und Links auf interessante Internetseiten anlegen kann. „Das funktioniert wie eine Diskette”, erklärt Niemczik. „Das Ziel ist, dass alles, was mit dem Kurs zu tun hat, an einen Platz kommt.” Im zusätzlichen „Kursordner” können „Wikis” erstellt werden – das sind Dokumente, an denen mehrere Leute arbeiten. Die brauche man zum Beispiel zur Dokumentation von Programmierprojekten, erklärt Niemczik. Und über ein Forum, Chat und E-mail können die Kursteilnehmer kommunizieren, wenn sie nicht im Klassenraum sitzen. Die Farben, in denen das Programm auf den Bildschirm kommt, kann der Nutzer selbst bestimmen. Es werde unterschätzt, wie wichtig das sei, sagt Christian Niemczik.

Mit der Lernplattform machte er sich dann 2004, noch als Student, selbständig. Der Lotsendienst der Universität Potsdam habe ihm dabei sehr geholfen, erzählt er. Vom Assessment-Center, bei dem die Förderungsfähigkeit der Geschäftsidee geprüft wurde, über Steuerberatung bis hin zur Entwicklung der Lizenzverträge – die Zusammenarbeit sei „ganz unkompliziert” gewesen.

Kunden findet der Jungunternehmer „über Mund-zu-Mund-Propaganda”. Außerdem stellte er sein Produkt 2005 auf der Lernmesse „learntec” in Karlsruhe und beim Fernlern-Kongress der Bundeswehr-Universität in Hamburg vor. „Kundenpflege nimmt sehr viel Zeit in Anspruch”, weiß Niemczik, der sich über seine 50-Stunden-Woche aber nicht beschwert. Die Institutionen, die das Programm verwenden, bekommen von ihm einen Einführungskurs. IT-Weiterbildungskurse bietet er zusätzlich noch an.

Absolvent wurde Christian Niemczik schließlich 2005: Seine Magisterarbeit schrieb er – nahe liegend – über„Individuelles und kooperatives Lernen in der IT-Weiterbildung”. Und jetzt, wo „sudile” auf eigenen Beinen steht, will sein Erfinder einen Schritt weiter gehen. In der Unternehmens-WG in der Jägerstraße arbeitet er bereits an der nächsten Gründung.

Quelle: Tagesspiegel, 01.09.2006 (nicht mehr online verfügbar)

Foto von: kevindooley

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